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Rabenacker xyz XYZ

Frau Rabenacker ist bei uns im Ort ziemlich bekannt, sie hatte früh ihren Mann verloren und dann mit viel Fleiß sich selbst und ihren Sohn Wolfgang allein durchbringen müssen. Das hat ihr, wenngleich das so ungewöhnlich nicht ist, dennoch die Bewunderung der allwissenden Dorfbevölkerung eingetragen.

Bevor ich jedoch weitererzähle, muß ich kurz mal erklären, warum ich manchmal von Ort, Dorf, Stadtteil und dann wieder von Großstadt schreibe.

Das liegt einfach daran, daß ich in einem Stadtteil einer Großstadt lebe, der erst neulich (1928) eingemeindet wurde und daß sich vor allem die ältere Bevölkerung dieses früher selbständigen Dorfes damit nicht anfreunden wollen. Für sie ist und bleibt es das Dorf und sie nennen es den Ort und wenn sie zum Einkaufen gehen, dann gehen sie ‘ins Ort’. Klingt schräg, aber so sagen die das.

Zurück zu Frau Rabenacker, die gerade deshalb jetzt eine besondere Rolle spielt, weil wir neulich erst hier im Weblog eine Diskussion um die Bedeutung der Abschiednahme hatten.

Ihr Sohn Wolfgang ist vor einem guten Jahr mit 19 Jahren tödlich verunglückt. Mit dem Motorroller ist er auf nasser Fahrbahn im Bereich einer Straßenbahnschiene ins Rutschen gekommen und unter einen Transportbeton-Lastwagen geraten. Lange hatte man versucht, die Sache dem LKW-Fahrer anzukreiden, denn Transportbetonfahrer fahren immer recht zügig, manch gar zu schnell, damit ihnen das Zeug in der Drehtrommel nicht hart wird. Aber daraus wurde nichts, bei näherer Betrachtung blieb es dabei, es war einfach ein tragischer Unglücksfall.

Wolfgang wurde von der Pietät Eichenlaub abgeholt und in Trauer, Aufregung und unter Tränen glaubte Frau Rabenacker, sie müsse denen auch den Auftrag zur Bestattung erteilen, was mich damals deshalb gefuchst hat, weil ich sie schon lange Jahre kannte und auch ihren Mann beerdigt habe.

Man kann sich vorstellen, daß der Verunglückte, der immerhin drei Mal von schweren LKW-Achsen überrollt worden ist, nicht unbedingt zur Aufbahrung geeignet war. So hatte ich zunächst auch Verständnis für die Eichenlaub-Leute, als es hieß, man könne Wolfgang unmöglich herrichten und aufbahren; wir wissen ja, sowas kommt vor.
Allerdings hatte Frau Rabenacker überhaupt kein Verständnis dafür, sie beharrte darauf, ihren Sohn noch einmal sehen zu wollen, brach im Eichenlaub-Büro weinend zusammen, sodaß sogar der Notarzt kommen mußte.
Man wolle ihr den offenen Sarg nur deshalb nicht zeigen, weil da gar nicht der Wolfgang drinliege, der habe nämlich gar nicht in die Richtung fahren wollen und vermutlich sei das ein ganz anderer…

Kurz darauf hatte ich erfahren, daß eine Aufbahrung höchstwahrscheinlich doch durchaus möglich gewesen wäre, weil der Helm den Kopf geschützt hatte und der Kopf vom Unfall auch nicht so betroffen war, wie der Rest des Körpers.
Ich schimpfe ja immer so latent über die Pietät Eichenlaub vor mich hin. Dazu muß man aber wissen, daß die in den allermeisten Fällen eine durchaus brauchbare Arbeit abliefern, die sich aber immer mal wieder, in eben den entscheidenden Punkten, von einer wirklich guten Arbeit unterscheidet.

In diesem Fall hätten wir eine Aufbahrung in jedem Fall ermöglicht, es doch aber zumindest unter Aufbietung unserer ganzen Kunst versucht.

Wolfgangs Sargdeckel blieb aber zu und so wurde er auch beerdigt. Für die Eichenlaubs war damit die Sache erledigt, man schickte eine Rechnung und die bezahlte Frau Rabenacker auch.

“War die Rabenacker von Euch?” fragte mich später mal der Friedhofsverwalter. Ich verneinte und fragte warum er das wissen will. “Dann muß ich nochmal nachgucken, die hat noch keinen Grabstein aufstellen lassen und das Grab verwildert schon”, sagte er.

So war es tatsächlich, auf dem Grab schossen Pionierpflanzen in die Höhe, gelber Lehm, keine Einfassung, kein Grabstein, nichts. Offenbar war Frau Rabenacker seit der Beerdigung nie wieder auf dem Friedhof gewesen.
Mich geht es ja nichts an, aber der Zufall wollte es, daß ich eine Melone kaufen wollte und bei diesem Einkaufsgang Frau Rabenacker über den Weg lief. Sie war nur noch ein Schatten ihrerselbst, ganz blaß, ganz eingefallen und irgendwie nur noch eine Handvoll Frau.

Ich versuchte nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln, das Gespräch vorsichtig auf Wolfgang zu lenken, kam aber mit diesem Vorhaben nicht durch. Als das Gespräch dann dem Ende zuging und Frau Rabenacker wieder ihres Weges gehen wollte, fragte ich dann doch mal ganz konkret nach dem Grab. Da sei mir aufgefallen, daß noch kein Grabstein drauf stehe.

“Warum soll ich denn einen Grabstein für ein Grab kaufen, in dem irgendein wildfremder Mensch liegt. Mein Wolfgang jedenfalls liegt nicht darin. Schon als kleines Kind wollte der immer Matrose werden und ich bin mir sicher, der fährt jetzt zur See. Er will mich nur nicht beunruhigen und eines Tages wird er mir eine Postkarte aus einem weit entfernten Hafen schreiben.”

Ich mache es kurz: Frau Rabenacker ist deshalb wieder in den dörflichen Fokus geraten, weil sie gestern in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Ihr Vermieter hatte das Gesundheitsamt verständigt, weil aus ihrer Wohnung ein übler Geruch drang. Sie ließ die Leute auch problemlos ein und die Bediensteten fanden ein vollkommenes Chaos in der Wohnung vor. Das einzige Zimmer, das vollkommen sauber und aufgeräumt war, war das Zimmer von Wolfgang. In allen anderen Räumen stapelten sich Lebensmittel; alles Sachen, die Wolfgang gerne aß, vornehmlich aufgetaute Tiefkühlware, auch Fleisch… Es muß grauenhaft gestunken haben. Man kann froh sein, daß jetzt die kalte Jahreszeit ist, sonst hätte es in Bezug auf Ungeziefer noch viel schlimmer ausgesehen.

Frau Rabenacker soll angefangen haben zu toben, als die Leute vom Gesundheitsamt anfingen, den fauligen Müll in Säcke zu verpacken, sodaß sich erneut ein Notarzt um sie kümmern mußte. Nach kurzer Rücksprache mit dem anwesenden stellvertretenden Leiter des Gesundheitsamtes erfolgte dann die Einweisung.

Die verstörte Frau soll immer wieder behauptet haben, Wolfgang komme seit einigen Wochen jede Nacht nach Hause, er arbeite jetzt in einer Geheimorganisation der Regierung und könne sich bei Tageslicht nicht zeigen. Er bereite sich auf einen Flug ins All vor und wenn man sie jetzt mitnehme, käme das ganze geheime Regierungsprojekt ins Wanken.

Traurige Geschichte. Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Hätte es der Frau wirklich geholfen, wenn sie hätte Abschied nehmen können oder wäre es dann genauso gekommen? Ein Kollege erzählte mir, in seinem Kundenkreis habe es einen ähnlichen Fall gegeben, obwohl die Mutter den Sohn im Sarg gesehen hätte. Sie hatte behauptet, das sei ein Doppelgänger.

18.1.08 11:17





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